The Witcher 2: Assassins of Kings

Kurzeinführung

Im Jahr 2007 brachte das in Polen ansässige Entwicklerstudio CD Projekt Red ihr Rollenspielerstlingswerk auf Basis der Hexer-Romane des polnischen Autoren Andrzej Sapkowski auf den Markt. Das Rollenspiel wusste mit einer vielschichtigen und erwachsenen Story, eingebettet inmitten einer kaputten, mittelalterlichen Welt bei Fachpresse und Spielern zu punkten und steigerte die Bekanntheit des Helden Geralt von Riva weit über die Grenzen Polens hinaus. Im März 2011 erschien der Nachfolger The Witcher 2: Assassins of Kings und verstrickte uns erneut in eine Geschichte rund um die Machenschaften von Monarchen und Zauberern, dem Konflikt zwischen Menschen und Anderlingen. Ob Geralts zweites Abenteuer ähnlich überzeugen kann und sich der Kauf des mittlerweile auf Version 2.0 hochgepatchten Spieles lohnt – all das soll dieses Review klären.

Worum es eigentlich geht

Temerien im Jahr 2171: Ein Monat ist vergangen, seit der Hexer Geralt von Riva den Herrscher Temeriens, König Foltest, vor einem Attentäter beschützen konnte. Auf dessen Gesicht: die untrüglichen Anzeichen einer Hexerausbildung. Der durch unser Schwert gerettete Monarch zieht daraufhin in die Schlacht, um den im ersten Witcher aufgekommenen Bürgerkrieg in seinem Reich niederzuschlagen. Nach einer kurzen Traumsequenz erwachen wir gefesselt und mit blutigem Rücken im Burgverlies der La Valettes. Doch wieso befinden wir uns überhaupt in Gefangenschaft? Und warum sollen wir hingerichtet werden? Das Spiel schickt uns infolge dieser Kerkerszene auf die Spuren unserer Gefangenschaft. Geralt wird vorgeworfen, König Foltest ermordet zu haben, den König, den er nicht nur vor dem sicheren Tod durch eine Hexerklinge bewahrte, sondern den er auch einen Freund nannte. In einem vom Chef des temerischen Geheimdienstes, Vernon Roche, geführten Verhör stehen wir Rede und Antwort zu den Geschehnissen des Tages der königlichen Ermordung. In spielbaren Flashbacks erfahren wir, dass Geralt zusammen mit dem König die Burg der La Valettes belagerte, um die unehelichen Kinder des Königs zu befreien und den Aufstand gegen die Krone zu ersticken. Nach gelungener Befreiung der Bankerte wird der König durch einen Vermummten getötet. Und Geralt ist der einzige, der den Mörder zu Gesicht bekommen hat. So stürzen wir uns als beschuldigter Königsmörder hinein in eine Geschichte um Macht und Intrigen, folgen den Spuren des wahren Täters, den Hintergründen seines blutigen Werkes und suchen nach Antworten rund um das Rätsel unserer mysteriösen Amnesie.

Mörderhatz in drei Äkten

Geralts Jagd nach den Mördern König Foltests von Temerien ist in drei Äkte sowie den Prolog unterteilt. So erzählt der Prolog die Vorgeschichte bis zu dem Punkt, an dem wir im ersten Akt zum Grenzstädtchen Flotsam im Pontartal segeln, um dort Nachforschungen über die Verbindung zwischen dem Königsmörder und der lokalen Einheit von Scoia‘tael anzustellen, einer Art elfisch-zwergischen Widerstandsbewegung gegen die Menschen. Dort können wir neben der Hauptquest, welche die Story weiter vorantreibt, zahlreiche Nebenaufgaben lösen. Darunter auch die aus dem Vorgänger bekannten Minispiele Faustkampf und Zwergenpoker. Neu hinzugekommen ist das Armdrücken, bei dem wir mit der Maus auf einem immer kleiner werdenden Balken bleiben müssen, um unseren jeweiligen Kontrahenten zu schlagen. Außerdem dürfen wir Frauenheld Geralt auch dieses Mal wieder in das ein oder andere erotische Geplänkel mit der Frauenwelt führen. Nach dem Abstecher in Flotsam geht es weiter im zweiten Akt mitten hinein in eine Geisterschlacht sowie zur Zwergenstadt Vergen. Der dritte und letzte Akt, der im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Äkten nahezu mickrig und unfertig wirkt, führt zum finalen Showdown in den Ruinen der elfischen Stadt Loc Muinne.

Allen Äkten ist gemein, dass sie nach ihrem Abschluss nicht wieder besucht werden können. Gleichermaßen trägt Geralts Tun und Handeln unmittelbare Auswirkungen auf den weiteren Spielverlauf. Haben wir uns im ersten Akt dafür entschieden, uns mit Vernon Roche bzw. den Scoia‘tael zu verbünden, können wir zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr die Seite wechseln. Dabei sind beide weder gut noch böse und bewusst undurchsichtig gestaltet. Wer also sehen möchte, was die Welt alles bietet oder welche Konsequenzen anders getroffene Entscheidungen zur Folge haben, der kommt nicht umhin, das Spiel mehrmals durchzuspielen. Der Titel unterhält ca. 30 Stunden, bevor man sich entspannt zurückgelehnt eines der möglichen Enden anschauen kann. Zusätzlich dazu ist der Spielumfang mit dem Patch 2.0 vergrößert worden. Dieser liefert einen Arenamodus sowie ein optionales Tutorial, das den Spieler behutsamer in das Spiel und dessen Mechanik einführt, als der Prolog. Außerdem wird dem Spieler nach Absolvieren des Tutorials eine Schwierigkeitsstufe vorgeschlagen. Im Arenamodus treten wir als hexischer Gladiator Runde für Runde gegen immer stärkere Gegner an, die wir möglichst schnell zur Strecke bringen, um Goldboni zu erhalten. Nach jeder überstandenen Runde können wir mit dem gewonnen Gold Ausrüstung kaufen, darunter auch Bomben oder Tränke, unsere Talente verbessern oder Mitstreiter für den nächsten Kampf anheuern. Freunde kompetetiven Gameplays dürfen sich über eine Highscoreliste mit anderen Arenamodus-Recken messen.

Silberschwert und Bomben

Als Hexer hat Geralt eine Ausbildung genossen, die ihn vom Mensch zum Übermensch hat werden lassen. Von klein auf wurde er auf Kaer Morhen, dem Sitz der Hexer, gelehrt, mit dem Schwert umzugehen, die Hexerzeichen zu wirken und Bestien der alten Welt zu studieren. Zur Steigerung der Kraft oder Ausdauer kann unser Held Tränke brauen und einnehmen, die einen normalen Menschen aufgrund ihrer Toxizität umbringen würden. Schwertgifte, Bomben oder Fallen – all dies nutzt dem Hexer im Kampf gegen Mensch und Ungeheuer. Die wichtigsten Utensilien bleiben dabei aber Schwert und Hexermedaillon, das uns in Gefahrensituationen warnt und außerdem zum Markieren von Gegenständen, Kräutern, Monstern oder Orten der Macht genutzt wird. Das Schwert trägt Geralt im Laufe des Abenteuers standesgemäß in doppelter Ausführung mit sich: ein Silberschwert dient dem Kampf gegen Ungeheuer und Monster, ein Eisenschwert ist für den Kampf gegen menschliche Kontrahenten gedacht.

Die Kampfsteuerung aus dem ersten Teil, die korrektes Timing und einen für den Gegnertyp passenden Schwertstil voraussetzte, haben die Entwickler von CD Projekt durch eine neue ersetzt, bei der die unterschiedlichen Stile über Bord geworfen wurden. Dafür dürfen wir nun Angriffe blocken und bei korrektem Timing zu Kontern ansetzen sowie Messer werfen. Um im Kampf erfolgreich zu sein, sind wir insbesondere im späteren Spielverlauf darauf angewiesen, Kämpfe taktisch anzugehen. Dazu gehört die richtige Vorbereitung mit Ölen, Tränken, Bomben und Fallen. Aber auch eine Mischung aus Angreifen, Blocken und Ausweichen. Dabei ist das Spiel nicht immer fair: Insbesondere der erste Kampf gegen den wahren Königsmörder ist aufgrund des engen Terrains und Geralts zu Beginn noch eingeschränkten Fertigkeiten zu schwer geraten. Derlei Balancepatzer bleiben aber die Ausnahme in den insgesamt spannend-fordernden und wuchtig in Szene gesetzten  Kämpfen. So ähnelt die Beseitigung eines Kayrans in Sachen Inszenierung stark an die spektakulären Bosskämpfe aus Resident Evil 5, bei denen man die Schwachstellen der einzelnen Bosse erst einmal finden und angehen musste, um ernsthaften Schaden zu wirken.

Rollenspieltypisch sammeln wir im Kampf Erfahrungspunkte, steigen im Level auf und schalten Talentpunkte frei. Diese wiederum investieren wir in die Hexer-Talentbäume, die sogenannten Schemata, Training, Schwertkampf, Alchemie und Magie. Das Spiel gibt dabei vor, dass die ersten sechs Punkte zur Freischaltung von Fertigkeiten im Trainingsschema genutzt werden müssen. Erst danach dürfen wir die Punkte frei verteilen und Geralt nach unserem Gusto weiterentwickeln. Wollen wir die Dauer von Tränken oder die Schadenswirkung von Bomben erhöhen, so sollten wir vermehrt Punkte in Alchemie investieren. Schwertkampfpuristen verringern den erhaltenen Schaden bei Angriffen von hinten oder schalten die Möglichkeit zum Kontern im Schema Schwertkampf frei. Freunde der Magie legen ihren Fokus auf das gleichnamige Schema und verstärken so die Wirkung der Hexerzeichen und steigern ihre Magieresistenzen. Außerdem dürfen wir bestimmte Fertigkeiten mutieren lassen, indem wir kleine, mittlere oder große Mutagene verwenden, um so unsere Vitalität oder den ausgeteilten Schwertschaden zu erhöhen. Tränke, Fallen und Bomben stellen wir nicht nur selber her, falls wir das entsprechende Rezept und die dafür benötigten Zutaten im Gepäck haben, sondern können diese auch bei entsprechenden Händlern erwerben. Bei den Schmieden erstehen wir so neue Rüstungen oder Schwerter. Wir können unsere alte Ausrüstung aber auch durch entsprechende Aufwertungen verbessern, die wir im Inventar anwenden.

Wir sehen ROT

Basierte das Vorgängerspiel noch auf einer eigens gemoddeten und weiterentwickelten Aurora-Engine, die im Original unter anderem in Neverwinter Nights Verwendung fand, so hat CD Projekt Red mit der RED Engine den Programmunterbau komplett selbst gestaltet. Und dieser kann sich wirklich sehen lassen: Scharfe Texturen, hübsche Lichtstimmungen und Effekte, geschmeidige Animationen – das zweite Hexerabenteuer ist eine Augenweide. Ob wir nun durch die Wildnis um Flotsam umherstreifen und in einer ehemaligen, verfallenen Nervenheilanstalt Geisterjäger spielen oder die alten elfischen Ruinen von Loc Muinne erkunden: The Witcher 2: Assassins of Kings bleibt stets authentisch und lebendig. Dazu tragen auch die hervorragenden Sprecher und der wuchtige Soundtrack ihren Teil bei. Obwohl es „nur“ mit DirectX9 API daherkommt, vermag das zweite Hexerabenteuer eine grafische Qualität und Atmosphäre auf den Bildschirm zu zaubern, die es zum derzeit schönsten Rollenspiel auf dem Markt machen. Als storylastiger Gegenentwurf zu open world-Titeln wie The Elder Scrolls V: Skyrim kann es allerdings nicht immer Level- und Weltbegrenzungen kaschieren. Derartige Abstriche in der Atmosphäre bleiben aber die Ausnahme in einem technisch rundum gelungenen Rollenspielabenteuer.

Fazit

Nachdem die erste Versoftung des Hexers schon außerordentlich gut ankam, sind die Erwartungen an den Nachfolger natürlich umso größer geraten. Und trotz des etwas enttäuschenden Finales kann man von The Witcher 2: Assassins of Kings guten Gewissens behaupten, dass es ein heißer Kandidat für den Titel „Spiel des Jahres“ sein dürfte. Gerade Freunde gut erzählter Geschichten dürften ihre helle Freude daran haben, den Hexer auf die Jagd nach dem Königsmörder zu schicken und dabei Entscheidungen zu treffen, deren Auswirkungen unmittelbar in Erscheinung treten und den Storyverlauf maßgeblich beeinflussen. CD Projekt serviert den Spielern erneut eine Welt, die sich selbst nicht schönt und die vom blutig ausgetragenen Konflikt zwischen Anderlingen und Menschen beherrscht wird. Außerdem bleibt anzumerken, dass der Entwickler entgegen manchem DLC-Wahn auch große Content-Updates für lau anbietet und den PC als Leadplattform sieht. Besitzer einer XBOX 360 dürfen sich schon einmal auf den März 2012 freuen, dann nämlich soll der Hexer sein Debüt auf der Konsole feiern.

Advertisements